Cultural Care Au Pair

Man entscheidet sich aus unterschiedlichen Gründen ins Ausland zu gehen. Die einen möchten ihr Englisch verbessern, andere sich selbst finden oder einfach mal rauskommen und etwas Neues sehen. Dabei ist man sich meist nicht bewusst, dass man auch zusätzlich ganz nebenbei noch andere Dinge lernt, die manchmal auch etwas verrückt sein können. Während meines Au Pair Jahres konnte ich viele Erfahrungen sammeln, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Jedoch sind es die unerwarteten Dinge, die sich am meisten eingebrannt haben.

Hier sind meine Top 10:

1) Iced Tea ist nur Tee mit Eis in Amerika

Am ersten Tag meines Au Pair Jahres hatte meine Gastfamilie mich in ein typisch amerikanisches Restaurant eingeladen. Ich bestellte natürlich einen Burger und einen Iced Tea in der Erwartung, dass dieser in Amerika genauso schmecken würde wie in Deutschland. Umso überraschter war ich natürlich, als mein Getränk kam und mir nach dem ersten Schluck klar wurde, dass Iced Tea in Amerika wirklich Tee mit Eiswürfeln bedeutet. Ich brauchte etwas Zeit, um mich an den Geschmack zu gewöhnen, aber dann wurde Iced Tea zu einem meiner Lieblingsgetränke, da es das einzige nicht unglaublich übersüßte Kaltgetränk war.

2) In Amerika isst man mit den Händen

Als dann mein Burger und die Pommes kamen, fing ich an, diese - so wie es sich im Restaurant in Deutschland gehört - mit Messer und Gabel zu essen. Ich verblüffte damit nicht nur meine Gastfamilie, sondern auch den Kellner, der daraufhin an unseren Tisch kam, um mir zu sagen, dass man Burger und Pommes in den USA mit den Händen isst. Später stellte ich fest, dass diese Regel nicht nur für Burger, sondern auch für so gut wie alles andere galt. Als ich nach meinem Auslandsjahr wieder in Deutschland mit meinen Freunden essen ging, erntete ich amüsierte Blicke und gewöhnte mir das Essen mit Messer und Gabel schnell wieder an.

3) „Hello, how are you?“ bedeutet eigentlich nur „Hallo“

Bei einem Auslandsjahr steht der Kulturaustausch an erster Stelle. Ich stellte schnell fest, dass die Amerikaner um einiges kontaktfreudiger waren als wir Deutschen. Überall wo man auf Menschen traf, wurde man mit einem „Hello, how are you?“ begrüßt. Das fand ich immer sehr nett und antwortete meist einfach „Hi, I’m fine, thank you!“.

Eines Tages war ich jedoch etwas gestresst, da nicht alles so gelaufen war wie erwartet. Als mich der Barista im Coffeeshop mit einem „Hi, how are you today?“ begrüßte, antwortete ich auf die deutsche und direkte Art und Weise: „Leider nicht so gut, ich bin super gestresst, da heute alles schief läuft“. Der Barista war daraufhin etwas verblüfft, reagierte aber freundlich und hilfsbereit. Als ich abends mit meiner Gastmutter über den Tag sprach, erklärte sie mir, dass das „how are you“ eigentlich nur eine Floskel bei der Begrüßung ist und man keine ehrliche und ausführliche Antwort erwartet.

4) Es ist okay mit Fremden zu reden

Ich lernte nicht nur kulturelle Eigenheiten bei der Begrüßung kennen, sondern stellte auch fest, dass es in Amerika total normal ist, Leute auf der Straße anzusprechen. Als ich an einem der ersten Wochenenden auf dem Weg zu einer Freundin war und durch San Francisco schlenderte, rief mir eine entgegenkommende Frau zu, dass sie mein Kleid toll fände. Ich freute mich und bedankte mich bei ihr. Wir unterhielten uns kurz, bevor sich unsere Wege wieder trennten.

Ich hatte auch einige nette Gespräche über das Wetter, während ich mit anderen Leuten an der Ampel wartete. Wenn ich shoppen ging, fragten die Kassierer immer interessiert, wo ich herkomme. Ich ließ sie dann meinen Akzent erraten und war überrascht über die positiven Reaktionen, wenn sie feststellten, dass ich aus Deutschland kam. Vor meinem Au Pair Jahr hatte ich nicht gedacht, dass die Amerikaner so ein positives Bild von uns Deutschen haben. Jeder erzählte mir sofort, dass er entweder deutsche Vorfahren oder Verwandte hat, dass er Deutsch spricht oder wie toll unsere Autos und Autobahnen sind. Nachdem ich von diesen Gesprächen auf der Straße vorerst etwas irritiert war, stellte ich fest, dass die Regel, nicht mit Fremden zu reden, in den USA nicht gilt.

5) Allein zu sein bedeutet nicht unbedingt einsam zu sein

Eine andere Sache, die ich während meines Auslandsjahres lernte, war, auch mal mit mir allein sein zu können. Als Au Pair lebt man in einer amerikanischen Gastfamilie, man passt auf die Kinder der Familie auf und findet Freunde aus der ganzen Welt. Man ist quasi nie alleine, aber wenn es doch einmal vorkommen sollte, dann lernt man diese Zeit zu genießen.

Ich bin in den USA zum ersten Mal alleine ins Café, Kino oder Shoppingcenter gegangen. Anfangs fühlte sich das noch komisch an, weil man das Gefühl hatte, alle würden komisch gucken (was sie aber gar nicht tun). Doch nach ein paar Versuchen merkt man, wie entspannt es sein kann, wenn man auch mal etwas Zeit für sich hat und trotzdem etwas tolles unternimmt. Man sieht auch viel mehr Neues und lernt einfacher Leute kennen. Die Fähigkeit, mit mir allein sein zu können, habe ich mit nach Hause genommen.

6) Ich kann jedes Lied aus dem Film Frozen auswendig

Ich habe während meines Au Pair Jahres auf ein kleines Mädchen und ein Baby aufgepasst. Ihr Lieblingsfilm war Frozen und so stand immer, wenn wir einen Filmabend gemacht haben, Frozen auf dem Programm. Es war so unglaublich süß, wenn die Kleine, die gerade sprechen lernte die Lieder mitsang. Also habe ich mir für unsere Autofahrten den Soundtrack auf mein Handy geladen. Jede Autofahrt war von da an ein Karaoke Wettbewerb, und wir hatten auch auf längeren Fahrten super viel Spaß. Ich werde die Lieder nie wieder aus meinem Kopf bekommen und für immer „Let it go“ beim Autofahren trällern.

7) Man sollte sich öfter über Kleinigkeiten freuen

Für Kinder ist alles interessant. Ob es ein Stein ist oder eine Erdbeere, die aussieht wie ein Herz. Kinder sind so einfach zu beeindrucken und Kleinigkeiten faszinieren sie. Sie gehen so unbeschwert durchs Leben. Dadurch, dass ich so viel Zeit mit meinen Gastkindern verbracht habe, habe ich auch angefangen die Welt mit ihren Augen zu sehen. Und da ich mich über Kleinigkeiten gefreut habe, war ich viel schneller glücklich.

8) Namen von Spielzeugen bleiben im Gedächtnis

Mein Gastkind hatte die Figuren aus dem Film „Cars“ als Spielzeugautos. Zuhause wurde gerne damit gespielt und mein Gastkind hat darauf bestanden, alle 20 Autos beim Namen zu nennen. Also lernte ich innerhalb von kurzer Zeit alle Namen auswendig und kann noch immer meine kleinen Cousins damit beeindrucken. Auch die Namen der Stofftiere werde ich so schnell nicht vergessen.

9) Man perfektioniert seine Ablenkungs- und Motivationsfähigkeiten

Als Au Pair lernt man schnell, dass Ablenkung und Motivation der Schlüssel zum Erfolg sind. Sei es, dass das Gastkind weint oder unbedingt Fernsehen gucken will, oder beides. Meist ist die Welt ganz schnell wieder in Ordnung, wenn man weiß, was man sagen muss, um das Kind vom eigentlichen Thema abzulenken oder dazu zu bringen, sich anders zu verhalten. Kinder haben ihren eigenen Kopf, aber sie sind einfach zu begeistern, wenn man weiß, wie man etwas spannend präsentiert. Sobald man das gelernt hat, ist der Rest ein Kinderspiel.

10) Der Abschied am Ende des Jahres war schlimmer als der Abschied aus Deutschland

Bevor ich mein Auslandsjahr in den USA begann, dachte ich, dass der Abschied von meiner Familie in Deutschland der schwerste Teil des Programms wäre. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich in Amerika so stark verwurzelt sein würde, dass der Abschied mir schwerer fallen könnte. Jedoch wuchs mir meine Gastfamilie sehr ans Herz und „meine“ Kinder liebte ich schon nach wenigen Wochen über alles.

Ich hatte mir dort ein zweites Leben mit vielen Freunden aufgebaut und hatte mich an das amerikanische Lebensgefühl gewöhnt. Ich träumte auf Englisch und liebte meine neue „Heimat“. Natürlich vermisste ich während meines Au Pair Jahres auch meine eigene Familie und meine Freunde aus Deutschland, aber ich wusste immer, dass ich sie in einem Jahr alle wiedersehen würde.

Der Abschied von meinem „zweiten Leben“ war das reinste Gefühlschaos. Jedoch machte mich dies auch irgendwie glücklich, da ich wusste, dass ich etwas so Wertvolles gefunden hatte, was mir den Abschied so schwer machte. Damals wusste ich noch nicht, dass ich fast jedes Jahr meine Gstfamilie wieder besuchen und auch meine Freunde überall auf der Welt wiedersehen würde.

Dass ich nach dem Abi erst mal ein Au Pair Jahr in den USA gemacht habe, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Ich bin so viel reifer, offener und um viele Erfahrungen reicher nach Deutschland zurückgekehrt und würde diese Zeit niemals missen wollen. Das Jahr hat mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin, und ich habe seitdem mehrere Orte, die ich mein zu Hause nennen kann.